Sonntag, 27. September 2026

Wer pflegt uns morgen? Der Streit um Verantwortung und Sicherheit im Alter


Die schwarz-rote Koalition streitet über die Finanzierung der Pflegeversicherung. Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) wollte seinen Entwurf zur Reform des angeschlagenen Systems am kommenden Mittwoch ins Kabinett bringen. Die SPD verlangt nun Nachverhandlungen: Sie befürchtet Kürzungen für Pflegebedürftige und pflegende Angehörige und fordert stattdessen eine Begrenzung der Eigenanteile. Linnemann hat erklärt, dass er Kürzungen bei den Rentenbeiträgen für pflegende Angehörige ausschließen will. Über den Reformbedarf sind sich die Koalitionspartner grundsätzlich einig. Gestritten wird darüber, wer die steigenden Kosten trägt und welche Leistungen künftig gelten. Die Rechnung lässt sich nicht vertagen: Allein im ersten Halbjahr 2026 machte die soziale Pflegeversicherung 770 Millionen Euro Verlust. Diese Verluste werden durch den demographischen Wandel jährlich größer. Das Gesundheitsministerium zählt inzwischen mehr als sechs Millionen Pflegebedürftige. Auf einen Leistungsempfänger kamen 2025 nur noch zehn Beitragszahler - 1998 waren es noch 29. Für 2027 wird eine Finanzlücke von mehr als 7,5 Milliarden Euro erwartet. Hinter diesen Zahlen stehen Menschen, die auf Hilfe beim Waschen, Essen oder Aufstehen angewiesen sind. Wenn Angehörige überfordert sind und bezahlbare Pflege fehlt, wird ein Finanzproblem zu einer Frage der Menschenwürde.

Die Bibel kennt das Problem der Altersarmut. Und sie fordert Pflege von Bedürftigen ein. Die Verantwortung für die Pflege im Alter sieht sie zuerst bei den Kindern. „Ehre deinen Vater und deine Mutter“ (2. Mose 20,12); „verachte deine Mutter nicht, wenn sie alt geworden ist“ (Sprüche 23,22). Im Neuen Testament bezieht sich Paulus auf die Verantwortung der Nachkommen, bedürftigen Angehörigen Hilfe zu leisten, und nennt es ein Versagen im Glauben, wenn jemand nicht für die Seinen sorgt (1. Timotheus 5,4.8.16). Jesus tadelt die Pharisäer, weil ihre Korban-Regel Menschen erlaubte, Mittel für Gott zu bestimmen und damit Vater oder Mutter die nötige Unterstützung vorzuenthalten (Markus 7,9–13). Wo Angehörige fehlen oder Hilfe nicht leisten können, zeigt die Bibel auch die Pflicht der Gemeinde der Gläubigen auf. Eine staatliche Pflegeversicherung beschreibt die Bibel hingegen nicht. Daraus folgt für mich: Der Staat sollte Familien stärken und es Menschen erleichtern, Kinder zu bekommen und großzuziehen. Damit würde die Regierung auch die eigentliche Wurzel des Pflegeproblems angehen: Immer weniger Kinder bedeuten später weniger Menschen, die für die Pflege einstehen können. Zugleich muss der Staat aber die Probleme lösen, die sie mit ihren Regeln und Leistungsversprechen selbst mitverursacht hat. „Ein König gibt dem Land durch Recht Bestand“ (Sprüche 29,4). Das gilt auch dann, wenn ehrliche Entscheidungen Widerspruch auslösen: „Menschenfurcht legt einen Fallstrick“ (Sprüche 29,25). Wer regiert, darf aus Angst vor Unbeliebtheit notwendige Entscheidungen nicht immer weiter verschieben.

Altersarmut und fehlende Pflege können ein Leben schwer machen. Der Körper braucht Nahrung, Hilfe und Schutz. Was in der Diskussion um die Pflege ausgeblendet wird: Auch unser Seelenleben braucht Fürsorge. Und zwar gerade dann, wenn die Kräfte nachlassen und die Einsamkeit wächst. Gott verspricht: „Bis zu eurem grauen Haar werde ich euch tragen“ (Jesaja 46,4). Das heißt nicht, dass wir körperlich wieder jung werden. Aber Gott kann uns neue Kraft und Hoffnung geben, selbst wenn unser äußerer Mensch schwächer wird (Jesaja 40,29–31; 2. Korinther 4,16). Bei ihm ist niemand vergessen. Viele alte Menschen haben mir bestätigt, dass diese Zusagen Gottes stimmen. Und Jesus Christus schenkt noch mehr als Trost für die letzten Lebensjahre: Er ist gestorben und auferstanden, damit der Todnicht das letzte Wort hat. „Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt“, sagt er (Johannes 11,25). Wer ihm vertraut, darf sich von ihm getragen wissen – im Alter und darüber hinaus.