Sonntag, 26. November 2017

Buchbesprechung: »Der Geist der Liturgie«


Mangelhafte »Liturgie«: Gott tötet Nadab und Abihu,
als sie mit fremden Feuer opferten

Konfessionell betrachtet könnte mir der Autor des Buches »Der Geist der Liturgie« nicht entfernter stehen. Doch es enhält schöne, teilweise erhebende Gedanken zum Herrn Jesus und zu seinem Erlösungswerk. Gleichzeitig werden aber auch Lehren ausgebreitet, die zwar auf Traditionslinien in der Christenheit gründen, sich aber dennoch kaum aus der Bibel herleiten lassen.

Die Begegnung mit Gott führt Menschen zur Anbetung. Wir begegnen Gott in seinem Sohn Jesus Christus. Die Erfahrung, dass uns die Beschäftigung mit Gottes Sohn beeindruckt und zur Anbetung ruft, eint alle alle gläubigen Christen. Allerdings haben sich in der Kirchengeschichte unterschiedlichste Traditionen herausgebildet, diese Anbetung zum Ausdruck zu bringen. Davon zeugt die Vielfalt der unterschiedlichen Arten, Gottesdienste zu feiern, aber auch, die Vielfalt der Auslegungen der biblischen Wahrheit im Zusammenhang mit christlicher Anbetung. Das Buch »Der Geist der Liturgie« skizziert sowohl die in der katholischen Christenheit übliche Praxis des Gottesdienstes als auch die dahinter stehende Lehre.



Im Nachgang eines fruchtbaren Gesprächs über Gottesdienstformen und christliche Anbetung schenkte mir ein guter Freund, der der katholischen Kirche angehört, das Buch von Joseph Ratzinger »Der Geist der Liturgie« (2005, Herder-Verlag, Freiburg i.Br.), eine Einführung in die katholische Praxis der Anbetung, oder, wie Katholiken es ausdrücken, in die Liturgie oder den christlichen »Kultes«. Der Autor, das ehemalige Oberhaupt der katholischen Kirche, führte mich vor vielen Jahren mit seiner »Einführung in das Christentum« eine wichtige Wegstrecke auf meinem Glaubensweg. Außerdem erinnere ich mich daran, dass John Stuart Blackburn in seinem von mir geschätzten Buch »Anbetung« der Katholischen Kirche ein relativ gutes Grundversändnis von christlicher Anbetung zuschreibt. So habe ich die Freimütigkeit, das Buch hier zu besprechen.

»Der Geist der Liturgie« enthält vier Teile. Der erste handelt vom Wesen der Liturgie, der zweite versucht, die katholische Liturgie in Raum und Zeit einzuordnen, der dritte Teil beschreibt die Rolle der Kunst für die Liturgie, der letzte Teil geht auf die äußere Form der Liturgie ein. Zu jedem dieser Teile will ich, nach einer kurzen Inhaltsbeschreibung, einige Anmerkungen machen.

Vom Wesen der Liturgie

Wollten Gott so anbeten, wie er es will:
Israeliten beim Auszug aus Ägypten
Das Wesen der Liturgie will der Autor unter Bezugnahme auf den Auszug Israels aus der Umklammerung Ägyptens erklären. Der Zweck dieses Auszugs sei der Wunsch der Hebräer gewesen, ihren Gott nicht nach eigenen Vorstellungen, sondern genau so anbeten zu können, wie dieser das gewünscht hatte (2. Mose 10,26). Der Mensch könne Liturgie, die Form der Anbetung (den »Kult«), letztlich nicht »machen«, Gott gebe dem Menschen die Formen vor, so Ratzinger. Ein Abweichen von diesem Willen Gottes, eine Ausgestaltung des Kultes nach menschlichem Ermessen, führe unweigerlich zum Götzendienst. Ein biblisches Bild für Anbetung nach menschlichen Kriterien sei die Anbetung des goldenen Kalbs am Berg Sinai. Die Darbringung von Opfern erscheine in praktisch allen Religionen als Kern der Anbetungspraxis. Im Opfer komme der Wille einer »Übereignung« an Gott als Antwort des Menschen auf die Erkenntnis der Liebe Gottes zum Ausdruck. Dieser Wille könne bis bis zur Übereignung seiner selbst reichen und sogar darüber hinaus bis zur Bereitschaft zur Opferung des ganzen Alls. Jesus Christus habe diese Bereitschaft gezeigt, er habe sich selbst übereignet und darüber hinaus wurde durch ihm, dem Logos, tatsächlich das ganze All seinem Gott und Vater als vollständiges Opfer dargebracht. In Christus wurde gleichsam die gesamte Schöpfung an Gott übereignet, denn Gott ist alles in allem (1. Kor. 15,28). Christliche Anbetung bestehe nun in einer Beteiligung des Menschen an diesem »Passahopfer« Christi. Mit dem Opfer Jesu am Kreuz wurde die physische Zerstörung der Opferstätte Israels, des Tempels in Jerusalem, vorweggenommen. Damit habe sich Möglichkeit zu einer Anbetung »in Geist und Wahrheit« (Johannes 4,23) eröffnet, wobei Christus selbst die Wahrheit sei. Das Opfer in dieser neuen Form der Anbetung sei das Wort, das im Gebet ausgesprochen werde (»Wortliturgie«). Diese Liturgie sei aber nur vollständig in der »Eucharistie«, in der - nach katholischem Verständnis - auch die Menschwerdung Christi zum Audruck komme (»Wandlung«) und daher mehr sei als nur ein Mahl.

Anmerkungen:
  • Tatsächlich ist der Auszug des weltlichen Volkes Gottes Israel aus Ägypten ein wunderschönes Bild für das kindliche Bedürfnis erretteter Seelen, seinen Gott verherrlichen zu wollen. Die Darbringung eines Opfers war in allen Zeitaltern und Kulturen ein natürliche Reflex, der sich aus der Erfahrung des Errettetseins ergibt. Dass die Formen für dieser Opfer nur von Gott selbst festgelegt werden kann, ist eine große Wahrheit, die in der heutigen Christenheit allzu oft übersehen wird. 
  • Das Opfer unseres Herrn Jesus am Kreuz von Golgatha ist das größte und herrlichste denkmögliche Opfer. Ratzinger irrt sich allerdings bei der Übertragung dieser grundsätzlich richtigen Einsichten auf die Anbetungspraxis der Kirche (Gemeinde, Versammlung). Zwar erkennt er, dass Anbetung heute »in Geist und Wahrheit« (Johannes 4,23) stattfinden muss. Er sieht klar, dass Anbetung »in Wahrheit« bedeuten muss, Gottes Willen und Anweisungen einzuhalten. Doch die Anbetung muss eben nach Jesu Willen nicht nur in Wahrheit, sondern auch »im Geist« erfolgen. Durch Jesu Opfer am Kreuz hat sich Christus ein himmlisches, geistliches Volk erkauft, dessen Anbetung im Geist stattfinden muss. Kultischen Formen, wie sie in der katholischen Liturgie ihren Ausdruck finden, machen die Wirkung des Heiligen Geistes zwar nicht nicht grundsätzlich unmöglich. Der Heilige Geist kann wirken, wo immer er es will. Doch lassen diese Formen eine Verhaftung in den irdischen Segnungen und Traditionen Israels erkennen. 
  • Das geistliche Volk Gottes muss nicht durch eine Eucharistie in die Wirksamkeit des Opfers mit »hinein genommen« werden, denn »mit einem Opfer hat er auf immerdar vollkommen gemacht, die geheiligt werden.« (Hebräer 10,14). »Durch welchen Willen wir geheiligt sind durch das ein für allemal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi.« (Hebräer 10,10). Außerdem besteht die christliche Anbetung in Geist und Wahrheit nicht in der Einnahme des  Abendmahls, der »Eucharistie«. Vielmehr führt das Gedächtnis (1. Kor. 11,25) an das ein für allemal vollbrachte Erlösungswerk, das uns im Gedächtnismahl in Gestalt von Brot und Wein vor Augen steht, unsere Herzen zur Anbetung.

Zeit und Raum in der Liturgie

In einem ausführlichen Teil des Buches macht sich Ratzinger tiefgehende Gedanken über die Ausgestaltung der Liturgie, also der katholischen Formen christlicher Anbetung. Ausgangspunkt ist die Feststellung des Hebräerbriefes, dass Christus »außerhalb des Tores gelitten« habe (Hebräer 13,12). Dieses Bild von dem Ort außerhalb des Tores verknüpft Ratzinger mit der Vorstellung, dass nun die ganze Welt zu Gottes Heiligtum geworden sei und Anbetung sich daher im ganzen Leben darstellen müsse. Dabei sei der neue Himmel und die neue Erde noch nicht gekommen, so dass die christliche Liturgie sich in einer »Zwischenzeit« abspiele, in der sie das Opfer Christi durch den liturgischen Kult mit dem täglichen Leben des Gläubigen verbinde. In diesem Zusammenhang erst bezieht sich der Autor auf den Hebräerbrief, der nachdrücklich die Einmaligkeit das Opfer Christi aufzeige, das durch die Liturgie in die tägliche Wirklichkeit transportiert werde. So sei die Eucharistiefeier nicht nur ein Mahl, sondern ein »Hineingerissenwerden« in die Gleichzeitigkeit des Passahmysteriums Christi. So beziehe sich die Liturgie auf den persönlichen Alltag des Gläubigen. Das meine auch Paulus, wenn er den wahren Gottesdienst im täglichen Leben sieht und die Gläubigen dazu ermahnt, ihre »Leiber darzustellen als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Schlachtopfer, was euer vernünftiger Gottesdienst ist.« (Römer 12,1). Dieses Opfer sei erst dann vollkommen, so Ratzinger, wenn die Welt ein »Raum der Liebe« geworden sei. Obwohl der Tempelvorhang zerrissen, der Weg ins Heiligtum für den Gläubigen frei sei, benötigen wir zur Anbetung einen heiligen Raum, ein Kirchengebäude, um von den »Zeichen« der Liturgie etwas über das Werk des Herrn lernen zu können. Das »Wozu« der Zusammenkünfte in solchen Räumen sei der Kult, zu dem die Versammelten zusammengerufen würden. Von diesem Gedanken ausgehend setzt sich der Autor mit geistlichen Prinzipien der Ausgestaltung des Versammlungsraumes auseinander. Sein Referenzpunkt für Architektur und Ausrichtung des Kirchenraumes, seiner Einrichtung, die Handlungen des Priesters sowie die zeitliche Ausgestaltung der christlichen Anbetung, ist die Ausgestaltung jüdischer Synagogen.

Anmerkungen:
  • Tatsächlich muß christliche Anbetung heute »außerhalb des Tores« stattfinden. Also dort, wo der Herr Jesus gekreuzigt wurde und wo er sich, bildlich besprochen, bis heute aufhält. Dieser Ort befindet aber nicht nur - entsprechend der Interpretation des Bild durch Ratzinger - abseits des jüdischen Tempels, also des jüdischen religiösen Systems. Dieser Ort, an dem Jesus gekreuzigt wurde, befindet sich vor den Toren der Stadt, also nicht nur abseits des Judentums, sondern vielmehr abseits des gesamten politisch-religiösen Systems. Dort sollen wir, so der Hebräerbrief weiter, seine »Schmach tragen« (Hebräer 13,13), jenseits des Schutzes weltlicher Einrichtungen, die diesen Herrn verworfen und gekreuzigt haben. Das ist bis heute der Platz, an dem alleine Kinder Gottes wahre Gemeinschaft mit ihrem Herrn haben können. Abgesondert vom System dieser Welt, allein aus seiner Gegenwart heraus lebend. Nur an diesem Ort, an dem wir zu seinem Namen hin zusammen kommen (Matthäus 18,20), können wir ihn in Geist und Wahrheit anbeten. 
  • Anbetung an diesem Ort ist auch heute schon möglich, obwohl wir den neuen Himmel und die neue Erde tatsächlich noch nicht sehen können. Aber schon heute hat das Versöhnungswerk unseres Herrn eine neue Realität geschaffen, die physisch noch nicht greifbar, doch mit den Augen unserer Herzen (Epheser 1,18) schon jetzt sichtbar ist: Seine geliebte Versammlung (Kirche, Gemeinde).
  • Das Opfer Jesu war einmalig, gerade deshalb feiern wir das Abendmahl zu seinem Gedächtnis. Und tatsächlich ist dieses Abendmahl mehr als ein Mahl - aber nicht dadurch, dass das Versöhnungswerk in »Gleichzeitigkeit« durch eine »Wandlung« in die Gegenwart hineingeholt werden müsste. Vielmehr es ist dadurch mehr als ein Mahl, dass wir in ihm die Person des Herrn Jesus und sein Werk sehen können.
  • Ein wunderschöner Gedanke Ratzingers ist die Vorbildlichkeit der Anbetung auf das tägliche Leben. Durch das sinnbildliche Hingeben unserer Körper als Opfer praktizieren wir wahre Anbetung. Doch der Anspruch, dass die Welt dadurch ein Raum der Liebe werden könne, ist meines Erachtens zu hoch gegriffen. Wir können das Opfer Christi betrachten und seine Liebe in unser Leben übertragen - aber wir können letztlich seinem Opfer nichts hinzufügen. Und die Welt wird erst mit seinem Wiederkommen und seiner Machtergreifung ein vollkommmener Raum der Liebe werden. 
  • Für christliche Anbetung ist kein physischer Raum notwendig, sondern der geistlicher Raum, den unser Herr Jesus selbst als Ort für Anbetung in Geist und Wahrheit festgelegt hat. Der Ort für wahre Anbetung ist der Geist erlöster Männer und Frauen, nicht prunkvolle Heiligtümer aus Steinen. Das ist genau der Ort, von dem er sagt: »wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte.« (Matthäus 18,20). 
  • Das »Wozu« dieser Zusammenkünfte ist nicht der »Kult«, sondern vielmehr allein die Person unseres Herrn Jesus
  • Die Ausgestaltung des Raumes der christlichen Anbetung ist wahrhaft von allergrößter Bedeutung für den Wert unserer Anbetung für Gott. Doch diese Ausgestaltung vollzieht sich nicht in der Architektur und Ausgestaltung des Versammlungsraumes und auch nicht in der zeitlichen Ausgestaltung der Versammlungen. Entscheidend ist - neben der Einhaltung der biblischen Grundsätze unseres Zusammenkommens - die Ausgestaltung der Inhalte unserer Anbetung. Hier ist entscheidend, ob sie von Herzen kommen, ob wir durch unseren Herrn Jesus »ein Opfer des Lobes darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen.« (Hebräer 13,15).

Kunst und Liturgie

Gott offenbart sich dem Menschen:
Bundeslade in der Stiftshütte
Im dritten Teil des Buches geht Ratzinger auf die Bedeutung von Kunst und Musik in der Liturgie ein. Er erkennt in der Deckenplatte der Bundeslade, auf der sich Gott offenbarte (2. Mose 25,22), eine Ausnahme von Gottes Gebot an den Menschen, sich kein Bild von ihm zu machen. Außerdem habe Gott selbst mit der Erschaffung des Menschen ein Bildnis seiner selbst in der Schöpfung hinterlassen. Diese Gestalt habe er dann auch gewählt, um in der Person des Menschen Jesu selbst die Erde zu betreten. In einem geistes- und kulturgeschichtlichen Streifzug diskutiert Ratzinger den Umgang mit Bildern im Gottesdienst. Dabei kritisiert er den in der Moderne verbreiteten Positivismus als übersteigerte und verhängnisvolle Form der Rationalität, die Gott nicht mehr in Gottesbildern erkennen wolle und die ganz grundsätzlich nur noch das wissenschaftlich Belegbare als Wahrheit anerkenne. In der von ihm identifizierte Krise der sakralen Kunst sieht er ein Syptom für eine Krise der gesamten Menschheit, die man »geradzu als Erblindung des Geistes bezeichnen kann«. Eine vollständige Ablehnung von Gottesbildern sei mit dem Glauben an die Menschwerdung Gottes nicht zu vereinbaren. Auch geht der Autor auf die Rolle von Musik für die christliche Anbetung ein. Im Alten Testament spiele Musik eine große Rolle. Auch in der Urkirche sei Musik wichtig gewesen, der Psalter sei das »Gebetsbuch der werdenden Kirche« gewesen. Bis heute sei der kirchliche Gesang ein Ausdruck der Liebe, die zum Ausdruck komme, wenn die Verschmelzung von Gott und Mensch im Sakrament geschehe. Im Gebrauch von Musikinstrumenten im christlichen Gottesdiesnt sieht Ratzinger eine gerechtfertigte Weiterführung der Praxis der jündischen Synagogen. Dennoch kritisiert er deutlich zwei Entwicklungen in der modernen Musik. Die moderne Klassik einerseits habe sich »in ein elitäres Ghetto hineinmanövriert«. Popmusik und Rock andererseits seien ein »Kult des Banalen« und »Ausdruck elementarer Leidenschaften« und damit letztlich geradezu eine Gegenkult zum christlichen Kult. Die Musik der »nüchternen Trunkenheit des heiligen Geistes« habe gegen die fleischliche Anziehungskraft dieser Kulte wenig Chancen. Die Musik des christlichen Gottesdienstes habe sich auf biblische Wahrheiten zu beziehen, müsse dem Heiligen Geist Raum lassen und dem Wort eine zentrale Rolle geben.

Anmerkungen:
  • Ratzingers Kritik am modernen Positivismus ist richtig. Wahrheit lässt sich nicht nur im wissenschaftliche Nachweisbaren erkennen, sondern tatsächlich auch im Menschen, der nach Gottes Bild erschaffen ist. In idealer Form erkennen wir dieses Bild allerdings nur in der Gestalt des Herrn Jesus, der er uns in seinem Wort, der Bibel, offenbart hat. Die Bibel zeigt uns allerdings nicht, dass wir uns ein Abbild von Jesus oder von Gott im Himmel machen sollen. Gottes Gebote wurden nicht aufgehoben und das Königreich der Himmel, wie es besonders deutlich von Matthäus skizziert wird, ist gerade dadurch charakterisiert, dass die Gläubigen einen für sie unsichtbaren Herrn Jesus als ihren Herrn angenommen haben.
  • Ohne Zweifel hat Gesang schon in der frühchristlichen Anbetung eine große Bedeutung. Dass die alttestamentlichen Psalmen von den ersten Christen gesungen wurden halte ich hingegen für unwahrscheinlich. Zwar werden Psalmen als Begriff (ψάλλω/psallō, lobsingen) im Zusammenhang mit dem Gottesdienst erwähnt (1. Kor. 14,26, Epheser 5,18). Doch gerade vor dem Hintergrund der in der in Apostelgeschichte und Lehrbriefen Gedanken, Gebete und Lobpreise erscheint es unwahrscheinlich, dass sich die ersten Christen mit ihren Empfindungen in den Themen der alttestamentlichen Psalmen wiederfanden. So findet in den Psalmen die prophetische Hoffnung auf Erlösung Ausdruck, während die Schreiber des Neuen Testaments von der Freude über ihre vollzogene Erlösung erfüllt waren. Die Psalmen wenden sich auch nicht an den Vater, sondern an den Allmächtigen Gott.
  • Die Verschmelzung von Gott und Mensch durch das Erlösungswerk unserers Herrn Jesus muss unser Herz mit Dankbarkeit und Liebe füllen. Diese Verschmelzung geschieht aber nicht im Moment des Brotbrechens, sondern durch unsere Errettung. Im Gedächtnismahl sind unsere Herzen dann mit unserem Herrn Jesus, seinem Leiden und seiner Liebe beschäftigt, so dass Anbetung sich im Gesang der Gläubigen ihren Ausdruck sucht. 
  • Das Neue Testament berichtet nicht vom Gebrauch von Musikinstrumenten. Der christliche Gottesdienst hat ja auch einen vollkommen anderen Charakter als der jüdische Gottesdienst.

Liturgische Gestalt

Den vierten und letzten Teil des Buches widmet sich den spezifischen, traditionell überlieferten Riten der katholischen Liturgie. Dieser »Ritus« sei die gemeinschaftlich ausgestaltete Form der christlichen Anbetung. Orthodoxie bedeute dabei »die rechte Weise, Gott zu verherrlichen, und die rechte Form der Anbetung«. Ratzinger umreißt die Entstehung dieser orthodoxen Riten kirchengeschichtlich. Anschließend verwirft er moderne Versuche, diesen Ritus neu konstruieren zu wollen. Luthers Reformbemühungen seien gerade deshalb tragisch gewesen, da gerade zu seiner Zeit die liturgische Tradition besonders unverstanden waren und Luther daher die »Opfergegenwart« in der Eucharistie nicht habe sehen können. Besonders »absurd« seien Versuche, die christliche Liturgie ausschließlich anhand der Bibel rekonstruieren zu wollen. Eine neu gestaltete Liturgie sei von den jeweils herrschenden Interpretationen der Bibel abhängig und würden daher lediglich auf menschlichen Gedanken aufbauen. Die Interpretation der Bibel sei der Autorität der (katholischen) Kirche unterworfen.

Grundsätzlich sei im christlichen Ritus an die Stelle der Tieropfer das »Wort-Opfer« getreten, in denen Priester mit Gott sprechen. Im Rahmen dieses Rituals würden dann die Elemente (Brot und Wein) »um-substanziiert« und in Leib und Blut des Herrn Jesus verwandelt. Nach eher grundsätzlichen Überlegungen geht der Autor auch auf die spezifische Elemente des katholischen Ritus ein. Dem Kreuzzeichen misst er nicht nur Bedeutung für die katholische Liturgie, sondern auch für das christliche Bekenntnis in der Welt zu. Beim Thema Gebetshaltungen geht er ausführlich auf das Knien ein. Die Bedeutung dieser Haltung komme alleine dadurch zum Ausdruck, dass das Wort für dieses sich Niederwerfen (proskynein/proskuneō) allein im Neuen Testament 59mal vorkomme. Ausdrücklich spreche die Bibel auch von knienden Aposteln (Apostelgeschichte 9,40; 20,36; 21,5). Die Geste des Kniens, in der das Wesen des christlichen Glaubens zum Ausdruck komme, widerspreche gleichzeitig der modernen Kultur. Eine Ausdrucksform, die hingegen zur christlichen Anbetung gar nicht passe, sei der Tanz. Keine der großen christlichen Traditionen kenne ihn als Bestandteil seines Ritus. Zur Steigerung des Unterhaltungswertes der Gottesdienste seien derartige Ausdrucksformen ohnehin ungeeignet, da die Konkurrenz mit weltlichen Unterhaltungsangeboten nicht zu bestehen sei. Abschließend geht Ratzinger auf die Gestaltung der Kleidung des Priesters ein, unter der das Individuelle des Priesters zurücktreten solle. Dadurch könne Christus mehr Raum gegeben werden.

Anmerkungen:
  • Die Formen der christlichen Anbetung müssen durch das Streben nach der rechten Weise der Verherrlichung Gottes bestimmt sein. Aber christliche Anbetung findet »im Geist« statt (Johannes 4,20 ff) und angebetet wird von solchen, die den Heiligen Geist besitzen. Wir können uns deshalb bei der Anbetung der Leitung des Heiligen Geistes überlassen. Starre, überlieferte Formen und Riten können die Wirksamkeit des Heiligen Geisten zwar nicht gänzlich verhindern, aber sie können uns selbst darin beschränken, uns vom Heiligen Geist gebrauchen zu lassen. Formen der Anbetung auf Grundlage menschlicher Gedanken neu zu erfinden, kann erst recht nicht richtig sein. 
  • Neben der Einhaltung orthodoxer Riten einerseits und deren Neuerschaffung von Riten andererseits gibt es noch die dritte Möglichkeit, um zu gewährleisten, dass christliche Anbetung in Gott wohlgefälligen Bahnen verläuft, und zwar, die Anbetung der Leitung des Heiligen Geistes zu überlassen. Die Bibel gibt uns grundlegende Formen zur Praxis der Anbetung an die Hand. Diese sind klar genug, um widersprechender Auslegungsmethoden nicht zum Opfer fallen zu können, sofern wir bereit sind, die Heilige Schrift als Gottes lebendiges Wort ernst zu nehmen. Einen wichtigen Hinweis finden wir etwa in 1. Korinther 14,26: »wenn ihr zusammenkommt, so hat jeder [von euch] einen Psalm, hat eine Lehre, hat eine Sprache, hat eine Offenbarung, hat eine Auslegung; alles geschehe zur Erbauung.« Notwendig ist dann natürlich auch, nach besten Möglichkeiten zu gewährleisten, dass an der Anbetung im Rahmen des Gedächtnismahls nur solche teilnehmen, die errettet sind, den Heiligen Geist besitzen und sich so überhaupt erst vom Geist leiten lassen können.
  • Bei der Verwirklichung der Hinweise, die wir in der Bibel zur Ausgestaltung von Anbetung finden, liegt die letzte Autorität über die richtige Auslegung in den Händen der Kirche, die »Pfeiler und Grundfeste der Wahrheit« (1. Timotheus 31,5) ist. Allerdings kommt es dabei darauf an, wie die Autorität der himmlischen Versammlung auf der Erde zur Entfaltung kommt. Das kann in der Praxis schwer zu beantworten sein, für ein »Lehramt« im Sinne der Katholischen Kirche bietet die Bibel jedoch keine Rechtfertigung.
  • Dem »Wort-Opfer« kommt tatsächlich eine besondere Stellung in der chrlistlichen Anbetung zu. Denn durch Christus und seinen Heiligen Geist können wir Gott ein »Opfer des Lobes darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen.« (Hebräer 13,15). Ein Schlüsselvers für diesen Zusammenhang ist 1. Petrus 2,5: Christen sind »lebendige Steine«, die als »heiliges Priestertum« »geistliche Schlachtopfer« opfern. Alle erretteten Kinder Gottes sind daran beteiligt (1. Petrus 2,9, Offenbarung 1,6). Für eine »Umwandlung« der Elemente von Brot und Wein kann ich hingegen in der Bibel keine Anhaltspunkte finden. 
  • Unser Herr Jesus fordert dazu auf, seinen Namen in der Welt zu bekennen. In der Bibel finden wir aber nicht das Zeichen des Kreuzes, sondern nur die zwei Zeichen des Gedächnismahles und der Taufe. Darüber hinaus will der Herr Jesus, dass wir ihn mit unserem Mund als unseren Herrn zu bekennen (Römer 10,9). 
  • Dem Knien kommt in der Tat eine große Bedeutung zu, die ich bisher zwar für das persönliche und gemeinsame Gebet, aber noch nicht für die gemeinsame Anbetung so geshen habe. 
  • Wichtig im Angesicht der Entwicklungen in der Moderne ist der Hinweis auf die Rolle des Tanzes für dei christliche Anbetung. Dieser hat als Ausdruck weltlichen Segens sicher eine Bedeutung für das irdische Volk Gottes, die geistlichen Segnungen des himmlischen Volkes der erlösten Christen lassen sich dadurch aber nicht zum Ausdruck bringen. 
  • Der Gedanken des Autors, dass die Kleidung des Priesters einen Beitrag zu dessen Entidividualisierung leisten könne, ist wichtig. Er sollte aber auf alle Teilnehmer von Gedächtnisfeiern Anwendung finden, da alle erretteten Kinder Gottes in geistlicher Hinsicht Priester sind (1. Petrus 2,9, Offenbarung 1,6). Durch schlichte, dem jeweiligen Kulturraum angepasste Kleidung, kann dieser Idee umgesetzt werden.

Fazit

Viele Lehren der katholischen Kirche verstehe ich nicht, manche halte ich für falsch, manche sogar für gefährlich. Von seiner Kirchenzugehörigkeit her könnte der Autor des Buches mir nicht entfernter stehen. Das kann aber nichts daran ändern, dass ich vor vielen Jahren durch Schriften des Katholiken Josef Ratzingers erkennen durfte, dass das Christentum keine Religion wie viele andere ist. In gewisser Weise stellte er mir damals die Person meines heutigen Herrn Jesus vor. Heute nun macht es mich froh zu sehen, dass Ratzinger, ehemals hochrangiger Funktionär seines in vielerlei Hinsicht verwerflichen kirchlichen Systems, schöne, teilweise erhebende Gedanken zum Herrn Jesus und zu seinem Erlösungswerk hat. Gleichzeitig macht es mich sehr traurig zu sehen, dass Christen mit solch tiefen Einsichten über Jesus gleichzeitig hinter Lehren und Ansichten stehen können, die ich für gefährlich halte. Davon möchte ich abschließend insbesondere drei hervorheben:
  • Gefährlich für die menschliche Seele und Aussagen der Bibel entgegenstehend ist die Vorstellung, dass der Mensch durch die Anbetung in Form einer Eucharistie am Erlösungswerk Christi teilhaben könne. Anteil am Erlösungswerk Christi haben wir alleine durch den Glauben an Jesus Christus (Galater 3,2 und 5, Römer 3,21 bis 28). Im Abendmahl betrachten wir dieses Erlösungswerk und werden dadurch zur Anbetung geführt. In der Anbetung ist keine Errettung zu finden - aber wenn wir die Größe des Werkes unseres Herrn Jesus und unsere Errettung erkennnen, führt uns das zur Anbetung.
  • Christliche Anbetung muss »außerhalb des Tores« stattfinden, also nicht unabhängig vom Judentum, sondern abgesondert vom System dieser Welt, getrennt von seinen politischen und religiösen Einrichtungen. Nur dort, abgsondert vom Bösen, ist unser Herr Jesus zu finden, dorthin hat ihn diese Welt gestellt und nur dort können wir ihn finden und ihn wahrhaft in Geist und Wahrheit anbeten. Die Ausgestaltung dieses geistlichen Raumes, in dem unsere gemeinsame Anbetung stattfindet, ist wirklich von größter Wichtigkeit - doch sie vollzieht sich nicht in der Gestaltung von Kirchenräumen, sondern durch die Befolgung seines Willens, wenn wir zur Anbetung zusammen kommen. Die Katholische Kirche hingegen ist auf das Engste mit dem religiösen und politischen System dieser Welt verbunden, dess Herrscher der »Weltbeherrscher dieser Finsternis« (Epheser 6,12) ist.
  • Starre kultische Formen können zweifelsohne großen ästhetischen und symbolischen Gehalt haben. Aber gerade durch ihre ästhetische Form eröffnen Sie die Möglichkeit, Gottesdienst auch ohne Geistesleitung abhalten zu können, ohne, dass diese Leere weiter auffällt. Beim Verzicht auf starre Riten kann uns der Heilige Geist in seiner vollen Wirksamkeit erfassen, jedoch wird uns andererseits jede geistliche Schwachheit, jede Abwesenheit des Heiligen Geistes, unmittelbar offenbar. Der unbedingte Wille, sich der Leitung des Heiligen Geistes überantworten zu wollen, konfrontiert uns Christen in voller Härte mit der Fleischlichkeit unserer Motive. Und genau diese Konfrontation fordert dann unsere gemeinschaftliche Hingabe ein, so dass wir wahrhaftig in Geist und Wahrheit anbeten können. 
Die Zersplitterung der christlichen Kirche in unseren Tagen ist eine äußerst schlechte Werbung für die Christenheit. Wäre die Gläubigen in der Welt als Einheit sichtbar, dann könnte die Welt leichter an Jesus glauben (Johannes 17,20f). Die katholische Kirche eint der Wille, diese Einheit in der Welt darstellen zu wollen. In diesem Sinne, aber nur in diesem, bin auch ich katholisch, denn auch ich wünsche mir ein Ende der Zerrissenheit der Gläubigen. Die Erfüllung dieses Wunsches ist aber nicht abhängig von unserem Organisationstalent, sondern allein von unserer Erkenntnis über die Person unseres Herrn Jesus, das Wesen seiner Kirche und leztlich auch über die Wege zur Verherrlichung und Anbetung seiner Person. Denn nur auf der Grundlage der Wahrheit kann Einheit in Christus gelingen. Ratzingers Buch »Der Geist der Liturgie« zeigte mir, wo unterschiedliche Sichtweisen bestehen, aber es zeigt mir auch, dass es Hoffnung auf die Überwindung von Gräben geben kann. Dieser Artikel soll ein kleiner Beitrag dazu sein.

»Aber nicht für diese allein bitte ich, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben; damit sie alle eins seien, wie du, Vater, in mir und ich in dir, damit auch sie in uns eins seien, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.«
(Johannes 17,20f)