Der Herr Jesus konnte zornig werden. So richtig zornig. Eines Tages reiste er nach Jerusalem, um den Tempel zu besuchen. Dort hatten sich Verkäufer und Geldwechsler ausgebreitet.
"Und er machte sich eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus, sowohl die Schafe als auch die Rinder; und das Geld der Geldwechsler schüttete er aus, und die Tische warf er um" (Johannes 2,15)
Warum wurde der Herr Jesus so zornig? Es war
der Ort, an dem Gott bei den Menschen
Wohnung genommen hatte. Und was fand der Herr Jesus an diesem Ort vor?
Menschen, die diesen
heiligen Ort für ihre weltlichen Interessen vereinnahmt hatten! Die - in
der Gegenwart Gottes - ihre eigenen Interessen über die Interessen
Gottes stellten. Und ja, da wurde Jesus Christus, dessen Milde seine
Jünger in der Welt bekannt machen sollen, zornig. Als Sohn Gottes machte
er von seinem Hausrecht Gebrauch: "macht nicht das Haus meines Vaters
zu einem Kaufhaus." (V. 16). Und das tat er durchaus eifernd, mit großer
Deutlichkeit, und zwar so, dass es "weh tat". Denn für ihn galt, wie
seine Jünger damals feststellten: "Der Eifer um dein Haus wird mich
verzehren." (V. 17).
Finden wir hier ein Vorbild dafür, christliche Vorstellungen notfalls mit Gewalt und Eifer umzusetzen? Oder sollen wir gegen Kapitalismus und Gewinnstreben kämpfen? Nein, das würde der Botschaft des Neuen Testaments widersprechen. Aber der Herr Jesus zeigt uns hier, wo verzehrender Eifer und Bestimmtheit absolut angebracht sind: Und zwar dort, wo es um sein Haus geht, um den Wohnort Gottes unter den Menschen. Das ist heute nicht mehr der Tempel in Jerusalem, sondern die Kirche bzw. Versammlung oder Gemeinde. Hier hat Christus durch seinen Heiligen Geist Wohnung genommen (Epheser 2,22, 1. Timotheus 3,15). Hier hat nur er, der Herr Jesus, das Hausrecht. Das Wort Gottes ist der höchste Maßstab für alle Fragen der Kirche. Ganz gleichgültig, ob sein Wille gerade zeitgemäß ist (z.B. Rolle der Frau in der Versammlung), ob sein Wort uns gerade als angenehm und sympathisch erscheint (z.B. Fragen der Gemeindezucht) oder ob es anstrengend ist (z.B. gegenseitige Abhängigkeit der Christen untereinander).
Nicht tonangebend sind am Wohnort Gottes unsere persönlichen Interessen. In der Versammlung geht es nicht um Geschäftsinteressen, nicht um berufliche Vorteile, nicht um weltliche Macht, nicht um Ansehen, nicht um Modernität, nicht um familiäre Bindungen, nicht um unsere Bequemlichkeit und nicht um unsere Wunschvorstellungen. Sobald biblische Grundsätze für unsere christliche Gemeinschaft mißachtet werden, um unseren eigenen Interesse Raum zu geben, ist nicht unsere Milde (Philipper 4,5), sondern unser verzehrender Eifer gefordert.
