Dienstag, 1. September 2020

Nähe, Schutz, Gehorsam: Was Gemeinden in der Corona-Zeit abwägen mussten


Covid-19 fordert Kirchengemeinden weiterhin heraus. Der Infektionsschutz hat das Gemeindeleben verändert. Auch mein christliches Leben steht weiterhin unter dem Einfluss der Corona-Verordnungen des Landes Berlin vom 14. März 2020. Anfang September, sechs Monaten nach Beginn der Corona-Pandemie, habe ich eine erste Zwischenbilanz gezogen.



Gedächtnismahl mit Brot und Wein:
Anwesenheit erforderlich.
 
Corona bringt Christen in einen Zielkonflikt. Das Gebot der Nächstenliebe (Markus 12,31, Galater 5,14, Johannes 17, Johannes 13,35) nimmt uns in die Pflicht, andere Menschen zu schützen. Besonders alte und vorerkrankte sind vom Sars-Cov-2-Virus bedroht. Gleichzeitig streben wir ein Gemeindeleben an, dass den Kriterien entspricht, die wir in Gottes Wort finden. Und drittens wollen wir die staatlichen Corona-Verordnungen einhalten.

Obwohl sich alle drei Ziele mit dem Wort Gottes decken, stehen sie in mancher Hinsicht in einem Spannungsverhältnis zueinander. Ungewöhnlich ist das nicht. Christen müssen oft mit ethischen Zielkonflikten umgehen. Dennoch ist die Abwägung schwierig. Ein radikales Versammlungsverbot, wie es Christen 1937 erlebt haben, wäre in seinen Auswirkungen zwar dramatischer und schlimmer - aber vielleicht einfacher für die geistliche Beurteilung. Mit einem radikalen Gottesdienst-Verbot hätte der Staat eine Situation geschaffen, in der viele Christen sich, wie Petrus in Apostelgeschichte 5,29, entscheiden würden, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen. Dann würde man sich vielleicht den Verordnungen widersetzen und geheime Versammlungen abhalten. Im Falle einer Bestrafung könnte man sich dann sagen, dass man "um der Gerechtigkeit willen" leidet (1. Petrus 3,14). Wir können dankbar sein, dass Versammlungen weiterhin erlaubt sind, wenn auch weiterhin unter Auflagen. Die Ausdeutung der rechtlichen und geistlichen Spielräume ist zwar mühsam, auch durch die regionalen rechtlichen Unterschiede. Mancherorts wurde der Gemeindebetrieb gänzlich eingestellt. Um den Auflagen gerecht zu werden, wurden Gottesdienste unter freiem Himmel abgehalten. In vielen meisten Fällen ist man auf das Internet ausgewichen. 
 
Ob die eingeschlagenen Wege gut oder schlecht sind, konnte angesichts der vollkommen neuen Lage zunächst niemand sagen. Weder die Bibel noch die Kirchengeschichte geben auf jede offene Frage eine Antwort. Doch heute, fast ein halbes Jahr später, können wir zumindest auf einige Erfahrungen zurückblicken und uns an eine erste Zwischenbilanz wagen. Ist es gelungen, die drei oben genannten Ziele - Infektionsschutz, Gemeindeleben, Rechtskonformität - in einen vernünftigen Ausgleich zu bringen? 

Wurden Menschen vor der Krankheit geschützt? 

Vom Gesichtspunkt der Nächstenliebe freue ich mich über die Erfolge der Regierung bei der Bekämpfung der Pandemie. Der Erreger ist zwar weiterhin gefährlich und es gibt noch keinen Impfstoff. Aber manche Sorgen der Menschen in den ersten Corona-Wochen haben sich als überzogen herausgestellt. Nicht nur, dass wir wieder Mehl, Nudeln und Toillettenpapier kaufen können. Wir mussten zumindest in Deutschland auch keine überfüllten Krankenhäuser erleben und es standen immer genügend Fachkräfte und Beatmungsgeräte zur Verfügung. Nach einem Höhepunkt des Infektionsgeschehens im April (bis ca. 6.000 Neuinfektionen pro Tag) gingen die Infektionsraten wieder zurück und hatten dann im Juli noch einen kleineren Höhepunkt (2.000 Neuinfektionen pro Tag). Die Entwicklung gibt zwar noch keinen Anlass zum Aufatmen, aber doch zur Dankbarkeit. 
 
Vor dem Hintergrund des allgemeinen Infektionsgeschehens konnten auch die christlichen Gemeinden ihrer Verantwortung beim Schutz vor Infektionen gerecht werden. Durch Hygienekonzepte und die Nutzung digitaler Medien wurden die Infektionszahlen in den einzelnen Zusammenkünften niedrig gehalten. In meinem Gemeindeumfeld in Berlin habe ich von keiner einzigen Infektion gehört. Deutschlandweit sind zwar einzelne christliche Gemeinden durch hohe Fallzahlen infolge eines laxen Infektionsschutzes aufgefallen. Angesichts der vielen Kirchengemeinden in Deutschland dürften diese Fälle aber im Gesamtbild kaum ins Gewicht fallen. 
 
Wenn wir auf den tatsächlichen Schaden von Sars-Cov-2 schauen, fällt die Corona-Bilanz des Gemeindelebens also positiv aus.

Gemeinde nach Gottes Gedanken gelebt?

Hat unser Gemeindeleben unter Corona gelitten? Auf jeden Fall dort, wo Dienste und Treffen ausgefallen sind. An vielen Orten wurden Wege gefunden, die Verbreitung des Evangeliums, Sonntagschularbeit, Bibelstunden oder die Pflege persönlicher Kontakte durch den Einsatz digitaler Medien fortzusetzen. Doch wie gut ist das gelungen? Eine Zwischenbilanz muss in Erwägung ziehen, worin Gemeindeleben überhaupt bestehen soll. Zur Frage, was eine örtliche Gemeinde "leisten" muß, gibt Apostelgeschichte 2,42 Auskunft. Der Vers zeigt uns vier Aktivitäten, mit denen sich schon die frühe Kirche beschäftigte. Genannt werden hier die Auseinandersetzung mit der Lehre der Apostel, die Pflege der christlichen Gemeinschaft, die Praxis des Gedächtnismahls sowie das gemeinsame Gebet:
  • Lehre der Apostel
    Das Wort Gottes muss gepredigt und ausgelegt werden. Zur Erbauung der Gläubigen und zur Errettung verlorener Seelen. Das ist Gottes Auftrag an seine Versammlung. Die weltweite Gemeinde Gottes mit ihren regionalen Ausprägungen ist Pfeiler und Grundfeste der göttlichen Wahrheit (1. Timotheus 3,15). Ich habe in den letzten Monaten den Eindruck gewonnen, dass diese Aufgabe auf digitalem Weg kaum nachzukommen ist. Zwar können theoretisch unendlich viele Menschen per Internet erreicht werden und vielfach ist es gut gelungen, über das Internet mehr Menschen zu erreichen als in den Versammlungsräumen. Leider hat die Entwicklung der "Einschaltquoten" an manchen Orten aber auch ein nachlassendes Interesse offengelegt. Vielleicht ist es schwerer, Herzen über den Bildschirm zu erreichen? Auch ist die Leitung des Heiligen Geistes auch bei digitalen Predigten und Vorträgen zwar nicht ausgeschlossen, doch ein Ausbleiben einer Geistesleitung bleibt übers Netz schwer erkennbar. Eine Beurteilung der Predigten durch die anderen Gläubigen (1. Korinther 14,29, Tit 1,9-11), etwa durch anschließende Kommentare oder durch Blickkontakte während der Predigt, ist am Bildschirm kaum möglich. Überregionale Wortbetrachtungen, Bibelkonferenzen und Evangelisationen wurden durch Corona auf ein Minimum reduziert. Wenn wir auf die Beschäftigung mit der Lehre der Apostel schauen, hat Corona den Gemeinden einen großen Schlag versetzt.

  • Gemeinschaft praktizieren
    Wer die Bibel aufmerksam liest, kann sehen, dass Gott als Ort der Gemeinschaft der Gläubigen einem physischen Ort voraussetzt. Allein die Tatsache, dass der Herr Jesus uns als Zeichen der Einheit und Gemeinschaft mit der gemeinschaftlichen Einnahme von Brot und Wein beauftragt hat, zeigt uns, welchen Stellenwert die körperliche Nähe der Gläubigen in Gottes Augen spielt. Das wird auch unterstrichen durch die mehrmalige und klare Aufforderung an die Gläubigen, sich zur Begrüßung zu küssen (Römer 16,16, 1. Korinther 16,20, 2. Korinther 13,12, 1. Thessalonicher 5,26, 1. Petrus 5,14) - auch, wenn der Bruderkuss heute regional unterschiedlich zur Anwendung kommt. Auch die segensreichsten digitalen Treffen können kein vollständiger Ersatz für den Austausch von Angesicht zu Angesicht sein. Durch die fehlenden Begegnungen werden die Gefahren für das Gemeindeleben zunehmend größer. Die örtliche und überregionale Jugendarbeit hat in den Sommermonaten kaum oder gar nicht stattgefunden, unzählige Zeltlager und Freizeiten wurden abgesagt. Viele Geschwister, besonders alte und alleinstehende, klagen über Vereinsamung. Der defizitäre Dialog begünstigt Missverständnisse zwischen Geschwistern. Den "Mehrschichtbetrieb" in vielen Ortsgemeinden kann zur Entfremdung zwischen den Gruppen führen. Ein weiteres Problem ist, dass an vielen Orten über Monate hinweg weder über Zuchthandlungen noch über Zulassungen entschieden werden kann, wichtige Fragen der praktischen christlichen Gemeinschaft bleiben damit ungeklärt. Die Gemeinschaft unter Christen hat unter Corona Schaden genommen.

  • Brechen des Brotes
    Beim Gedächtnismal mit Brot und Kelch soll die Gemeinde Gottes an den einzelnen Orten den Tod des Herrn Jesus verkündigen und gleichzeitig die Einheit des einen Leibes der Kirche nach sichtbar darstellen. So weit die Botschaft der Bibel. Mit der Feier des Mahls des Herrn führt die örtliche Versammlung den Willen ihres Herrn aus und bringt Gott Anbetung. Das ist aber nur denen möglich, die an einem Ort versammelt sind, denn nur sie können tatsächlich an Brot und Kelch teilhaben. Über eine digitale Zuschaltung können Gläubigen zwar an der Atmosphäre der Anbetung teilhaben - ein aktiver Beitrag ist ihnen aber kaum möglich. Augenfällig ist, dass es weder in digitalen Zusammenkünften noch im "Mehrschichtbetrieb" möglich ist, die Einheit der Gemeinde beim Brechen des einen Brotes (1. Korinther 10,17) angemessen zum Ausdruck zu bringen. Ganz im Gegenteil, durch diese vielerorts notwendige Praxis kommt eher eine Zerrissenheit der Versammlung zum Ausdruck. Die Anbetung Gottes leidet außerdem darunter, dass Christen an vielen Orten nicht für ihren Herrn singen können (Philipper 4,19). Auch in Sachen Anbetung fällt die Corona-Zwischenbilanz negativ aus.

  • Gemeinsam beten
    Das gemeinsame Gebet, ein mächtiges Schwert im Glaubenskampf, scheint vergleichsweise widerstandsfähig zu sein gegen Herausforderungen wie Corona. Doch seit Einführung der Kontaktbeschränkungen machen sich auch hier Probleme bemerkbar. Durch die zurückgefahrene Kommunikation bleiben viele Nöte und Bedürfnisse von einzelnen Gläubigen verborgen und können von anderen kaum im Gebet behandelt werden. Noch wichtiger für das gemeinsame Gebet in der örtlichen Zusammenkunft ist es aber, für die gemeinsamen Herausforderungen zu beten. Welchen Wege soll die Ortsgemeinde einschlagen, welche Entwicklungen prägen die Gemeinschaft? Da durch die Kontakt- und Versammlungsbeschränkungen weniger kommuniziert wird, bleibt auch für den Betenden vieles im Dunkeln. Aber nicht nur die Gebetsinhalte, auch die Gebetspraxis hat gelitten. Wenn etwa aufgrund der staatlichen Abstandsregeln darauf verzichtet wird, beim Beten zu knien, beeinträchtigt das zwar weder den Inhalte der Gebete noch die Bereitschaft Gottes, Gebete zu erhören. Und dennoch bleibt der sichtbare Ausdruck unseer Haltung gegenüber Gott auf der Strecke, eine Haltung, die wir bei unserem Herrn Jesus und bei den Aposteln gelernt haben (Lukas 5,8, Lukas 22,41, Apostelgeschichte 9,40+20,36+21,5, Römer 14,11, Epheser 3,14, Philipper 2,10). Auch unser gemeinsames Gebet hat also unter Pandemie gelitten.
Die pandemiebedingten Kontaktbeschränkungen haben sich schon nach rund sechs Monaten als Zermürbungsprogramm für das christliche Zeugnis entpuppt. Wenn man darauf schaut, was Gemeinde nach Gottes Plan ausmacht, fällt die Corona-Zwischenbilanz unseres Gemeindelebens negativ aus.

Wurde Recht und Gesetz eingehalten?

Die dritte Herausforderung für Christen in der Pandemie ist die Rechtskonformität. Christen sollen der Obrigkeit Folge leisten (1. Petrus 2, 13f, Römer 13,1-7, Titus 3,1). Das gilt auch in Zeiten außergewöhnlicher staatlicher Einschränkungen. Das dient auch dazu, dem Herrn Jesus in der Welt Ehre zu geben. Petrus schreibt ausführlich von der Notwendigkeit, sich in soziale Strukturen einzufügen, sei es in Familie, Beruf, in der Gemeinde oder eben auch gegenüber dem Staat. Dieser Auftrag gilt auch dann, wenn diese Strukturen nicht vollständig so sind, wie wir sie uns als Bibelleser wünschen würden. Ob uns die Regeln des Staates gefallen und ob diese besonders durchdacht sind, spielt keine Rolle. Eine Grenze könnte der Gehorsam, wie oben ausgeführt, zwar in einem in einem absoluten Versammlungsverbot finden (Apostelgeschichte 5,29). Doch das ist nicht der Fall, so dass es darum geht, die Verordnungen umzusetzen. 
 
So weit ich es beurteilen kann, wurden die staatlichen Vorschriften von den meisten Kirchengemeinden rasch, streng und sorgfältig umgesetzt. Wie schon erwähnt, gab es einige Ausnahmen, die durch die Presse gingen. Doch die Mehrheit der örtlichen Versammlungen hält sich an die staatlichen Anordnungen und Konfrontationen mit der Obrigkeit konnten vermieden werden. Mir ist nicht bekannt, dass in Berlin oder in einerm anderen Bundesland Bußgelder erhoben wurde oder sonstige disziplinarische Maßnahmen gegen Kirchengemeinden erlassen worden sind. 
 
In Sachen Rechtskonformität fällt die Zwischenbilanz der Kirchengemeinden also positiv aus.

Halbzeitbilanz: Weiteren Schaden verhindern

Seit bald sechs Monaten fordert Corona Christen heraus. Die Gemeinden müssen ihr Gemeindeleben erstens mit der Bibel, zweitens mit dem Schutz vor Infektionen und drittens mit den staatlichen Verordnungen in Einklang bringen. Wahrscheinlich hat sich für alle praktizierende Christen in Deutschland der Gemeindealltag geändert, wobei die digitalen Möglichkeiten über manches Problem hinweg geholfen haben. 
 
Die Halbzeitbilanz dieser Anstrengungen fällt zumindest in zwei von drei Punkten gut aus. Man hat es erstens gut geschafft, die staatlichen Regeln im Gemeindeleben umzusetzen. Zweitens es vermieden werden, dass sich das Virus über die örtlichen Versammlungen verbreitet. Schlechter sieht die Bilanz allerdings aus, wenn wir darauf schauen, ob unsere Gemeinden weiterhin ihren geistlichen Auftrag voll erfüllen. Bei diesem dritten Punkt zeigen haben die pandemiebedingten Einschränkungen durchaus zerstörerische Kraft entfaltet und wir Christen müssen aufpassen, dass wir nicht in eine "digitale Falle" geraten, aus der wir nach Corona nur schlecht entkommen könnten.

Was müssen wir tun, um eine Schwächung des Zeugnisses der Versammlung Gottes zu verhindern? Falls unser Gemeindeleben unter Infektionsschutz und Regeltreue gelitten hat, sollten wir nach Wegen suchen, umzulenken. Nach annähernd einem halben Jahr sollten wir mit der Hilfe Gottes und mit einem nüchternen Blick auf die gesundheitlichen und rechtliche Risiken nach Möglichkeiten suchen, die Gemeinschaft zu stärken. Infektionen und staatliche Kontrollen können wir nicht ausschließen, sobald sich viele Menschen versammeln. Mit dieser Spannung konnten wir bisher umgehen und müssen es auch weiterhin. Das Risiko einer Beschädigung des Zeugnisses der Gemeinde in der Welt dürfen wir aber nicht hinnehmen