Für Christen ist die Einheit der Kirche keine Nebensache. Diese Einheit ist der ausdrückliche Wunsch des Herrn Jesus, Vermächtnis des Sohnes Gottes an seine Jünger (Johannes 17). Tatsächlich organisieren sich Christen aber in vielen einzelnen Gemeinden. Natürlich, die regionale Aufteilung des "einen Leibes", der weltweiten Kirche, an mehrere Orte ist aus praktischen Gründen notwendig. Alleine in Berlin soll es rund 800 Kirchengemeinden und mehrere hundert Kirchengebäude geben. Allerdings gehören die meisten dieser örtlichen Versammlungen voneinander getrennten Kirchenorganisationen an. Unterschiedliche Bekenntnissen und Kulten machen die Zersplitterung öffentlich sichtbar. Doch sichtbare Einheit der Christenheit ist nicht nur möglich - Gottes Wort selbst zeigt uns den Weg dort hin.
![]() |
| Christen der ersten Tage: Einheit war noch sichtbar |
Vertrauen in das eine Wort Gottes
Den Schlüssel zur Verwirklichung der Einheit der Kirche (Gemeinde, Versammlung) hat uns der Herr Jesus in die Hand gegeben: Abhängigkeit. Alle, die an ihn glauben, sollen abhängig sein von ihm, der das Haupt der einen, weltumspannenden Gemeinde ist. Dazu müssen wir uns von seinem Heiligen Geist leiten lassen anstatt von unserem eigenen Willen. Natürlich bedeutet das zuerst, dass wir Gottes Wort, die Bibel, für alle kirchlichen Fragen als absolut verbindlich anerkennen. Gott hat seinen Willen in der Bibel für alle Zeiten und Orte gleichermaßen offenbart. Dort, wo Grundsätze des einen Wortes Gottes zur Geltung kommen, kann die Welt etwas von der einen Kirche sehen.
Andererseits ist die Bibel aber kein "Kirchenhandbuch". Sie zeigt uns zwar verbindliche Grundsätze, aber nicht für jede Lebenslage eine vorgefasste Handlungsanweisung. Jede Zeit, jede Epoche, stellt Gemeinden vor neue Fragen, dabei sind die Fragen so unterschiedlich wie die Antworten. Und an jedem Ort sind die Rahmenbedingungen andere. Da kann es gut sein, dass man in der einen Ortsgemeinde Entscheidungen an einem anderen Ort nur schwer nachvollziehen kann. Die Verständnisunterschiede können dann so weit gehen, dass Gemeinschaft abgebrochen wird. Und tatsächlich können Christen keine Grundlage für Gemeinschaft findent mit Gruppen, in denen das Wort Gottes mißachtet wird - Ungehorsam ist damit eine Wurzel der Uneinigkeit. Die Kirchengeschichte und die heutige Zersplitterung der Christenheit zeugen davon.
Vertrauen auf den einen Heiligen Geist
Deshalb fordert unser Wille zur Einheit nicht nur unseren Gehorsam gegenüber der Bibel. Einheit der Christenheit erfordert auch das Vertrauen in Entscheidungen, die der Herr Jesus durch seinen Geist an anderen Orten getroffen hat. Wir brauchen Vertrauen darauf, dass Christen an anderen Orten sich vom gleichen Heiligen Geist leiten lassen, der auch uns leiten soll. Einheit der Christenheit ist nur möglich durch die wechselseitige Abhängigkeit christlicher Gemeinden voneinander.
Dass wir dieses Vertrauen haben dürfen, hat der Herr Jesus uns selbst mitgeteilt:
"Wahrlich, ich sage euch: Was irgend ihr auf der Erde binden werdet, wird im Himmel gebunden sein, und was irgend ihr auf der Erde lösen werdet, wird im Himmel gelöst sein. Wahrlich, wiederum sage ich euch: Wenn zwei von euch auf der Erde übereinkommen werden über irgendeine Sache, welche sie auch erbitten mögen, so wird sie ihnen zuteilwerden von meinem Vater, der in den Himmeln ist. Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte." (Matthäus 18,18-20)
Der Herr Jesus selbst stellt sich hinter die Entscheidungen von Geschwistern, bei deren Entscheidungsfindung er in der Mitte war. "[I]rgendeine Sache", in der zwei oder drei übereinkommen in seinem Namen, die wird auch im Himmel anerkannt sein. Ein solches Übereinkommen "gilt", es ist wirksam. Es wird von der höchsten Stelle anerkannt, ist beglaubigt.
Vertrauen in den Heiligen Geist: Freiheit und Privileg
Hätte der Herr Jesus seine Zusage (Matthäus 18,20) nicht gegeben, menschliche Urteile anzuerkennen, wäre eine sichtbare Einheit der Christen kaum möglich. Seine Zusage befreit uns davon, alle Wege von Christen an anderen Orten hinterfragen zu müssen, um eine Grundlage für Gemeinschaft haben zu können. Darin liegt eine Chance für die Einheit der Christen und bedeutet gleichzeitig Entlastung und Freiheit. Wie könnten wir auch alle Auffassungen, Urteile, Gemeindeaktivitäten oder Zuchthandlungen von Christen in aller Welt hinterfragen und auf "biblische Validität" überprüfen?
In dieser Zusage des Herrn Jesus liegt ein gewaltiges Vorrecht für alle Christen, mit dem verantwortungsvoll umgegangen werden muss. Mit dieser "Verfassungsregel" hat uns der Herr Jesus die Möglichkeit gegeben, Einheit zu verwirklichen. Nur Abhängigkeit und Vertrauen ermöglichen Einheit. Im Gegensatz dazu zerstören Mißtrauen und Unabhängigkeit - das Vertrauen in die Überlegenheit des eigenen Urteils - die Einheit der Christen. Wenn wir nicht bereit sind, Entscheidungen und Wege anzuerkennen, die selbst im Himmel gelten, dann öffnen wir der Zersplitterung Tür und Tor. Unabhängigkeit zerstört Einheit.
Versammlungsgrundsätze beurteilen, nicht einzelne Urteile
Bedeutet das nun, dass wir jeden kirchlichen Weg tolerieren sollen? Bedeutet das, dass wir kirchliche Gemeinschaft mit Christen praktizieren sollen, die in ihren Zusammenkünften offensichlich den Willen des Hauptes missachten, in dem sie gegen biblische Wahrheiten verstoßen? Wenn dort etwa bekanntes Böses geduldet wird (1. Korinther 5)? Wenn etwa die Schöpfungsordnung Gottes in Frage gestellt wird (1. Korinther 14,34) oder wenn christliche Gruppen durch die Schaffung von trennenden, weltlichen Kirchenorganisationen den "Leib zerschneiden" und der Einheit entgegenwirken?
Nein, das bedeutet die Zusage des Herrn Jesus in Matthäus 18 nicht. Nicht alle Entscheidungen von Christen auf der Erde werden im Himmel anerkannt. Denn die Grundlage dafür, dass Entscheidungen von "zwei oder drei"im Himmel anerkannt werden, kann ja nur sein, dass der Herr Jesus selbst bei der Entscheidung mit dabei, "in ihrer Mitte" (Matthäus 18,20) ist. Leider können aber auch wahre Christen in einer Weise zusammenkommen, bei der der Herr Jesus nicht den Mittelpunkt bildet, nicht die alleinige Autorität hat. Dann wird aus eigenem Willen, vielleicht auf der Grundlage ideologischer Überzeugungen geurteilt. Was von solchen Gruppen "gebunden und gelöst" wird, kann keine geistliche Autoriät entfalten, die über diese Gruppe hinaus anerkannt werden müsste. Abhängigkeit gegenüber solchen Gruppen und Gemeinschaft mit ihnen wäre vielmehr ein Ausdruck von Unabhängigkeit vom Heiligen Geist und würde die Einheit der Versammlung in Frage stellen. Hier ist nicht Abhängigkeit sondern Absonderung der Weg zum Verwirklichung von Einheit.

